Wednesday, 19. december 2007
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Stellen Sie sich einmal aufrecht hin und strecken Sie Ihre Arme auseinander so weit es geht. Das ist ungefähr die Distanz zwischen Bett und Wand in einer Gefängniszelle. Gehen Sie jetzt vier große
Schritte nach vorn, dann haben Sie in etwa den Lebensraum eines Gefängnisinsassen abgeschritten. Was Sie vielleicht jetzt schon beklemmen mag, das hat er unter Umständen für Jahre als einzigen
Bewegungsradius. Jeden Tag. An Weihnachten, an Sylvester, an seinem Geburtstag, an dem Geburtstag seiner Frau, an dem Geburtstag seiner Tochter, im Sommer, wenn Sie im Urlaub sind, an jedem
Sonntag, den Sie mit Ihrer Familie verbringen, immer.
Er hat Schuld auf sich geladen und ist sich dessen auch bewusst. Dann kommt noch die Wut hinzu. Eine unbeschreibliche Wut auf seine Eltern, die ihm nicht die Chancen gegeben haben, die er
verdient hätte, auf die falschen Freunde, denen er vertraut hat, auf seine eigene Dummheit, auf die Gesellschaft, die ihn nicht aufgefangen hat, auf die Richter, die ihn nicht verstanden haben, auf
die Schließer, die ihn wie ein Tier behandeln und schließlich auf alle, die da draußen sein dürfen und ein Leben in Freiheit führen können. Sein Gewissen und seine Wut fressen ihn langsam auf, Tag
für Tag ein bisschen mehr.
Die Ehe zerbricht. Wer will schon eine Ehe führen in der man sich dreimal im Monat für 45 Minuten unter Aufsicht sieht? In der man sich auch nur vor den Augen anderer küssen kann, in der es keine
Intimität mehr gibt? 90 % aller Gefängnisinsassen verlieren ihre Partner innerhalb eines Jahres.
Die Kinder entgleiten ihm. Sie kennen ihn kaum noch. Wenn sie mit zu Besuch kommen, wissen sie nicht, worüber sie mit ihm reden sollen. Es gibt keine Gemeinsamkeiten mehr.
Und Freunde? Sehen kann er sie gar nicht mehr, denn das würde von den Besuchszeiten, die seiner Frau zur Verfügung stehen, abgehen. Gelegentlich kann man sich mal einen Brief schreiben. Aber wer
schreibt Zeiten von E-Mail und Handykommunikation schon gern Briefe? Und Telefonieren? Grundsätzlich nicht möglich. In besonderen Situationen vielleicht einmal nach vorheriger
Genehmigung.
Ja, und so geht die Zeit vorbei, tagein, tagaus. Eintönige Langeweile, Frustration, Verzweiflung, Zorn wechseln sich ab, Ansonsten keine Veränderungen, keine Außenwelt, niemand mit dem
man einfach nur mal reden könnte.
Die wenigsten von uns haben selbst jemals erfahren, was Gefängnis wirklich bedeutet. Wir können uns nur ein grobes Bild davon machen. Ein wenig von dem, was meine Mandanten mir berichtet haben,
habe ich zuvor niedergeschrieben. Dies mag einen kleinen Eindruck davon geben, wie sich Gefängnisinsassen fühlen. Für die meisten von uns dürfte solch ein Leben unvorstellbar sein.
Mit diesen besinnlichen Gedanken möchte ich mich in die Weihnachtszeit verabschieden. Ab Januar wird es dann weiter gehen mit meinen Gedanken und Geschichten.
Ihnen wünsche ich eine ruhige Weihnachtszeit und ein erfolgreiches neues Jahr.
Ihr Björn Birkenbach